Montag, 15. November 2010

Fliegen

Ich wünschte, ich könnte fliegen.
Als ich kleine war habe ich immer davon geträumt. Ich wollte frei sein, die Möglichkeit haben dorthin zu können, wo auch immer ich hin will. Und manchmal träume ich heute auch noch davon. So ziemlich jede Sekunde. Denn wenn man mit offenen Augen träumen kann bleibt nicht viel Zeit für die Wirklichkeit. Aus tanzenden Paaren werden mit einem Wimpernschlag grausige Gestalten. Nicht mehr als ein paar Fetzen dunkler Stoff, den die Nacht nicht verbergen kann. Und mitten im Tanze wird einem bewusst, dass die Spiegel überall sind und man den eigenen Träumereien nicht entkommt. Aber meistens sind Träume alles, was bleibt.
Ausgesiebt, fein säuberlich sortiert und von allen Seiten betrachtet wird man irgendwo hin geworfen. Nicht dorthin wo das Leben einen haben will, sondern wo es der Gesellschaft grade nützt. Und wir glauben allen Ernstes frei zu sein.
Aber das ist alles nur eine Lüge. Um uns bei Laune zu halten und zu strebsamen kleinen Arbeitern zu erziehen, zu stützen des Systems. Faulige, ranzige, brüchige Stützen. Aber mittlerweile gibt es doch so viele von uns, dass es niemanden kümmert, dass die Überproduktion als einziges noch stützt.
Und Träume werden nun einmal nicht in Massenproduktion hergestellt. ­man webt sie mit jedem einzelnen Wunschdenken und durch so dünne Fäden, dass es mehrere Jahre dauern kann ein festes Gewebe zu erhalten. Aber diese Art von Arbeit zählt nicht. Weil man sie nicht mit Noten und Zensuren oder irgendwelchen anderen Maßstäben messen kann. Und allen Fliegenden stutzt man die Flügel mit stumpfen Klingen. Man reißt sie in Stücke. Spuckt sie auf den Boden und zertritt sie im jämmerlichen Morast. Bis vom Fliegen nichts weiter übrig bleibt als eine vage Erinnerung.
Nur dass Erinnerungen an so etwas Allumfassendes wie das Fliegen aus ebenso vielen Träumen bestehen wie sie nur ein ganzes Leben erträumen kann. Man kann uns zwar die Flügel ausreißen, aber die Träume werden uns immer bleiben. Denn auch der kleinste Wunsch, die geringste Sehnsucht, lässt sie neu entfachen.